Rundbriefkasten

Das Radiogleichnis im Steppenwolf

12 Kommentare

Nachdem Harry Hermine erstochen hatte, besuchte ihn Mozart.

(…) Was er da eigentlich treibe, was er da zu schrauben und zu hantieren habe, darauf achtete ich gar nicht.

Es war aber ein Radioapparat, den er da aufgestellt hatte und in Gang brachte, und jetzt schaltete er den Lautsprecher ein und sagte: ,,Man hört München, das Concerto grosso in F-Dur von Händel.“

In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen und Entsetzen, der teufliche Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten des Radios übereingekommen sind, Musik zu nennen, – und hinter dem trüben Geschleime und Gekrächze war wahrhaftig, wie hinter dicker Schmutzkruste ein altes köstliches Bild, die edle Struktur dieser göttlichen Musik zu erkennen, der königliche Aufbau, der kühle weite Atem, der satte breite Streicherklang.

,,Mein Gott“, rief ich entsetzt, ,,was tun Sie, Mozart? Ist es Ihr Ernst, dass Sie sich und mir diese Schweinerei antun? Dass Sie diesen scheußlichen Apparat auf uns loslassen, den Triumph unserer Zeit, ihre letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf gegen die Kunst? Muss das sein, Mozart?“

O wie lachte da der unheimliche Mann, wie lachte er kalt und geisterhaft, lautlos und doch alles durch sein Lachen zertrümmernd! Mit innigem Vergnügen sah er meinen Qualen zu, drehte an den verfluchten Schrauben, rückte am Blechtrichter. Lachend ließ er die entstellte, entseelte und vergiftete Musik weiter in den Raum sickern, lachend gab er mir Antwort.

,,Bitte kein Pathos, Herr Nachbar! Haben Sie übrigens das Ritardando da beachtet? Ein Einfall, hm? Ja, und nun lassen Sie einmal, Sie ungeduldiger Mensch, diesen Gedanken des Ritardando in sich hinein – hören Sie die Bässe? Sie schreiten wie Götter – und lassen Sie diesen Einfall des alten Händel Ihr unruhiges Herz durchdringen und beruhigen! Hören Sie einmal, Sie Männlein, ohne Pathos und ohne Spott, hinter dem in der Tat hoffnungslos idiotischen Schleier dieses lächerlichen Apparates die ferne Gestalt dieser Göttermusik vorüberwandeln! Merken Sie auf, es lässt sich etwas dabei lernen. Achten Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre scheinbar das Dümmste, Unnützeste und Verbotenste von der Welt tut und eine irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein schmeißt – und wie sie dennoch nicht den Urgeist dieser Musik zerstören kann, sondern an ihr nur ihre eigene ratlose Technik und Betriebmacherei erweisen muss! Hören Sie gut zu, Männlein, es tut Ihnen not! Also, Ohren auf! So. Und nun hören Sie ja nicht bloß einen durch das Radio vergewaltigten Händel, der dennoch auch in dieser scheußlichsten Erscheinungsform noch göttlich ist, – Sie hören und sehen, Wertester, zugleich ein treffliches Gleichnis alles Lebens. Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und sehen Sie den Urkampf zwischen Idee und Erscheinung, zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen Göttlichem und Menschlichem. Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die herrlichste Musik der Welt zehn Minuten lang wahllos in die unmöglichsten Räume wirft, in bürgerliche Salons und in Dachkammern, zwischen schwatzende, fressende, gähnende, schlafende Abonnenten hinein, so, wie er diese Musik ihrer sinnlichen Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und verschleimt und dennoch ihren Geist nicht ganz umbringen kann – gerade so schmeißt das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit dem herrlichen Bilderspiel der Welt um sich, lässt auf Händel einen Vortrag über die Technik der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen Betrieben folgen, macht aus zauberhaften Orchesterklängen einen unappetitlichen Töneschleim, schiebt seine Technik, seine Betriebsamkeit, seine wüste Notdurft und Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen, und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu. Leuten von Ihrer Art steht es durchaus nicht zu, am Radio oder am Leben Kritik zu üben. Lernen Sie erst lieber zuhören! Lernen Sie ernstnehmen, was des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre! Oder haben Sie selber es denn etwas besser gemacht, edler, klüger, geschmackvoller? O nein, Monsieur Harry, das haben Sie nicht. Sie haben aus Ihrem Leben eine scheußliche Krankengeschichte gemacht, aus Ihrer Begabung ein Unglück. Und Sie haben, wie ich sehe, da ein hübsches, ein so entzückendes junges Mädchen zu nichts anderem zu gebrauchen gewusst, als dass Sie ihm ein Messer in den Leib gestochen und es kaputt gemacht haben!“ (…)

Hermann Hesses Steppenwolf, 270 ff

 

 

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12 Kommentare zu “Das Radiogleichnis im Steppenwolf

  1. Lustig, das Bild unten von Hermann Hesse ähnelt dir irgendwie auf den ersten Blick….
    Schönen Tag dir
    Crissi

  2. Auch das Innere, nehme ich an. Als ich den Steppenwolf damals las, war ich fasziniert und konnte es kaum glauben, wie meine damalige Seelenlage beschrieben ward.

  3. Wie innen, so aussen…Spannend. Dann hat mich also der erste Eindruck nicht getäuscht. Demian ist doch auch von ihm? Dies hab ich gelesen…. mit dem Steppenwolf kenne ich mich nicht aus.

  4. „Nichts ist außen, nichts ist innen, denn was außen ist, ist innen.“
    HH: Innen und Außen

    So spielt sich m.E. im Steppenwolf das äußere Geschehen innerseelisch ab. Harry repräsentiert den männlichen Anteil und Hermine den so dringend benötigten weiblichen Anteil von HH.

    Den Demian schrieb HH unter dem Pseudonym Emil Sinclair, wie ja auch der Name des Ich-Erzählers lautet.

    ,,Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte.“

  5. Hermine, ja, die weibliche Form von Hermann, würde dann ja passen mit dem weiblichen inneren Anteil.. eine Zerrissenheit, die jeder von uns mehr oder weniger spürbar durchlebt. Vor allem in Paarbeziehungen verursacht dies viele Probleme … wollte sich Harry nicht mit 50 umbringen? Naja, indem er ja Hermine umbrachte, hat er sich ja zu 50% selbst schon genommen….Und was hat ihn davon abgehalten?

    Habe heute grad das Buch eingeworfen… 🙂

    Grüssle ins Tägle
    Crissi

  6. Morgen 🙂

    Freu mich schon auf Deinen Roman.

    Fahre gleich mit dem Zug nach Freiburg und nehme als Lektüre den Steppenwolf mit, um Dir dann zu berichten, wie die Fügung Harry ins Leben zurücklockte.

    Ein großes Rätsel für mich ist, weshalb HH den Steppenwolf nach (!) Siddharta schrieb, da m.E. in Siddharta doch schon alle Antworten gefunden sind.

    Schönes Wochenende

  7. Gute Frage wegen Siddharta…. ist es nicht so, wenn man denkt, dass alle Antworten gefunden sind, das Leben dir das Gegenteil präsentiert? Eine Art Prüfung um zu schauen, ob du es wirklich kapiert hast? Und wie viele fallen danach in eine spirituelle Krise? Vielleicht HH auch?

  8. Hallo Chrissi

    Harry Haller wurde von der immer mal wieder aufleuchtenden Gottesspur (S. 40 + 43) abgehalten, welche ihn bis zu einem Tanzlokal leitete, in welchem er Bekanntschaft mit der Prostituierten Hermine machte.

    Der 50-Jährige HH war 1927, als der Steppenwolf veröffentlicht wurde, stark selbstmordgefährdet, wie aus einem Tagebucheintrag desselben Jahres hervorgeht:
    „Ich schmeiße alles hin, mein Leben, ich alternder Mann. Auf eure Welt anders zu reagieren als durch Krepieren oder durch den Steppenwolf wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.“
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/kultur-und-medien/bonn/Zeichnungen-und-Aquarelle-von-Hermann-Hesse-article1361392.html

    Ihn hielten wohl seine Gespräche mit dem Psychoanalytiker J.B. Lang vom Suizid ab.
    https://www.hermann-hesse.de/files/pdfs/de_lebenskrise.pdf

    Bei dieser Quelle auf S. 7 findet sich Deine und eine weitere Antwort, wie es sein kann, dass der Steppenwolf nach Siddharta entstand …

    Narri Narro

  9. Lieber Andreas
    Hast meine Mail gekriegt bezgl. der Infos meiner Kriminalromane? (nur noch als Ebook erhältlich)

    Zu HH:
    „“Ich schmeiße alles hin, mein Leben, ich alternder Mann. Auf eure Welt anders zu reagieren als durch Krepieren oder durch den Steppenwolf wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.”

    Da fragt man sich, ist es heute wirklich schlimmer als damals, unsere Welt? Alles war doch schon mal da und wird immer wieder erscheinen…. daher, der einzige Moment ist jetzt….. alles andere ist das Auffrischen alter Gedanken… und das Produzieren neuer Unpässlichkeiten…. 🙂

  10. HH sehnte sich nach Wahrem und Echtem – hatte hohe Ansprüche an sich selber – war aufgrund dieser Werte und Ideale nicht in die Gesellschaft integriert und litt daher an Einsamkeit – dazu kamen noch Gesundheitsprobleme und einige Schicksalsschläge. Auch seine damalige Zeit war wenig erbauend – HH engagierte sich als Emil Sinclair gegen den erahnbaren 2. Weltkrieg. Mit all dem möchte ich ausdrücken, liebe Chrissi, dass ich Verständnis für HHs tiefe Melancholie, seine Depressionen usw. habe.

    Solch sensible Menschen kennen grundsätzlich, so nehme ich an, sowohl das Leiden an der Welt als auch an sich selber – wahrscheinlich ganz unabhängig davon, zu welcher Zeit sie leb(t)en …

    An HH bewundere ich, dass er sich all dem stellte und sich langsam ins Akzeptierende/Spielerische/Lebensbejahende arbeitete.

  11. „An HH bewundere ich, dass er sich all dem stellte und sich langsam ins Akzeptierende/Spielerische/Lebensbejahende arbeitete…..“

    Wunderbar… und es ist die Antwort auf die andere Frage, wo ich dir gerade eben gestellt habe, anderswo 🙂

  12. Wo könnte das nur gewesen sein 😉

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