Rundbriefkasten

Das Radiogleichnis im Steppenwolf

13 Kommentare

Nachdem Harry Hermine erstochen hatte, besuchte ihn Mozart.

Es war aber ein Radioapparat, den er da
aufgestellt hatte und in Gang brachte, und
jetzt schaltete er den Lautsprecher ein und
sagte: ,,Man hört München, das Concerto
grosso in F-Dur von Händel.“

In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen
Erstaunen und Entsetzen, der teufliche Blechtrichter
nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim
und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer
von Grammophonen und Abonnenten des Radios
übereingekommen sind, Musik zu nennen, – und
hinter dem trüben Geschleime und Gekrächze
war wahrhaftig, wie hinter dicker Schmutzkruste
ein altes köstliches Bild, die edle Struktur dieser
göttlichen Musik zu erkennen, der königliche Aufbau,
der kühle weite Atem, der satte breite Streicherklang.

,,Mein Gott“, rief ich entsetzt, ,,was tun Sie, Mozart?
Ist es Ihr Ernst, dass Sie sich und mir diese Schweinerei
antun? Dass Sie diesen scheußlichen Apparat auf uns
loslassen, den Triumph unserer Zeit, ihre
letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf
gegen die Kunst? Muss das sein, Mozart?“

O wie lachte da der unheimliche Mann, wie
lachte er kalt und geisterhaft, lautlos und
doch alles durch sein Lachen zertrümmernd!
Mit innigem Vergnügen sah er meinen Qualen
zu, drehte an den verfluchten Schrauben, rückte
am Blechtrichter. Lachend ließ er die entstellte,
entseelte und vergiftete Musik weiter in den
Raum sickern, lachend gab er mir Antwort.

,,Bitte kein Pathos, Herr Nachbar! Haben Sie
übrigens das Ritardando da beachtet? Ein Einfall,
hm? Ja, und nun lassen Sie einmal, Sie ungeduldiger
Mensch, diesen Gedanken des Ritardando in sich
hinein – hören Sie die Bässe? Sie schreiten wie
Götter – und lassen Sie diesen Einfall des alten
Händel Ihr unruhiges Herz durchdringen und
beruhigen! Hören Sie einmal, Sie Männlein,
ohne Pathos und ohne Spott, hinter dem in der
Tat hoffnungslos idiotischen Schleier dieses
lächerlichen Apparates die ferne Gestalt
dieser Göttermusik vorüberwandeln! Merken
Sie auf, es lässt sich etwas dabei lernen. Achten
Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre
scheinbar das Dümmste, Unnützeste und
Verbotenste von der Welt tut und eine
irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm
und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen
fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein
schmeißt – und wie sie dennoch nicht den Urgeist
dieser Musik zerstören kann, sondern an ihr nur
ihre eigene ratlose Technik und Betriebmacherei
erweisen muss! Hören Sie gut zu, Männlein, es
tut Ihnen not! Also, Ohren auf! So. Und nun
hören Sie ja nicht bloß einen durch das Radio
vergewaltigten Händel, der dennoch auch in
dieser scheußlichsten Erscheinungsform noch
göttlich ist, – Sie hören und sehen, Wertester,
zugleich ein treffliches Gleichnis alles Lebens.
Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und
sehen Sie den Urkampf zwischen Idee und
Erscheinung
, zwischen Ewigkeit und Zeit,
zwischen Göttlichem und Menschlichem.
Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die
herrlichste Musik der Welt zehn Minuten
lang wahllos in die unmöglichsten Räume
wirft, in bürgerliche Salons und in
Dachkammern, zwischen schwatzende,
fressende, gähnende, schlafende Abonnenten
hinein, so, wie er diese Musik ihrer sinnlichen
Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und
verschleimt und dennoch ihren Geist nicht
ganz umbringen kann – gerade so schmeißt
das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit
dem herrlichen Bilderspiel der Welt um sich,
lässt auf Händel einen Vortrag über die Technik
der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen
Betrieben folgen, macht aus zauberhaften
Orchesterklängen
einen unappetitlichen
Töneschleim, schiebt seine Technik, seine
Betriebsamkeit, seine wüste Notdurft und
Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit,
zwischen Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist
so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen,
und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu.
Leuten von Ihrer Art steht es durchaus nicht zu,
am Radio oder am Leben Kritik zu üben. Lernen
Sie erst lieber zuhören! Lernen Sie ernstnehmen, was
des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre!

Hermann Hesses Steppenwolf, 270 ff

 

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o

Nachtrag

Es ist Ende Juli 2019 und mir fällt ein Zitat von Francis Lucille zu:

Wahre Meditation ist spontan. Sie ist eine offene Einladung, die
zwischen allem, was im Feld des Bewusstseins erscheint, nicht
unterscheidet. Es findet keine Auswahl statt. Da ist nur ein
wahlfreies Erlauben, sowohl von äußeren Wahrnehmungen,
Gefühlen, Körperempfindungen, Gedanken als auch von ihrer
Abwesenheit. Allem wird gleichermaßen erlaubt zu erscheinen
– und das geschieht nicht in Form einer Übung, sondern weil
die mentale Ebene ihre eigenen Grenzen erkannt hat. Mehr
muss ein Wahrheitssucher nicht tun. Er braucht keine
weiteren spirituellen Praktiken zu befolgen. 

In einer derartigen Offenheit leben wir im Jetzt.
Da gibt es nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren.
Gewahrsein ist kein Fernziel, das wir am Ende eines Prozesses
erreichen. Wir haben schon jetzt alles, was wir benötigen. Wir
sind voll ausgerüstet, nichts fehlt. Zu Beginn werden wir diese
völlige Problemlosigkeit, in der wir neuerdings leben, vielleicht
als neutralen Zustand erfahren. Das hat damit zu tun, dass der
Verstand immer noch wie ein Elektromotor weiterläuft, dessen
Stromzufuhr gerade gekappt worden ist. Wenn uns unsere
neue Perspektive vertrauter geworden ist, fühlen wir das
Entzücken des Jetzt, welches frei von Ursachen und
absolut nicht-objektiv ist. Das ist, als würden wir
das Radio nach Stunden von dummem Gebrabbel
auf eine neue Frequenz einstellen, wo ein Klavierkonzert
von Mozart erklingt. Dann leben wir auf zwei Ebenen gleichzeitig:
einmal in der gewöhnlichen objektiven Welt im Vordergrund und
dahinter auf einer neuen Ebene, die Ursprung von Musik und
Schönheit ist.
Diese Ebene ist kein räumlich festgelegter Ort.
Sie ist ein metaphysischer Ort, der Hintergrund des
menschlichen Bereichs und der Kern unseres Seins.

Wenn wir lauschend leben, werden wir bemerken,
dass sich unsere Gefühle und Gedanken sowie die Art,
wie wir unseren Körper wahrnehmen oder mit anderen in
Kontakt sind, ändern. Einladende Offenheit entspricht der
Gesetzmäßigkeit des Universums. Die Nacht ist einladend,
der Himmel ist offen, die Vögel und Bäume sind einladend.
Wenn wir von offenen menschlichen Gefährten umgeben sind,
leben wir in Schönheit. Wir teilen unsere Gegenwärtigkeit
miteinander und beginnen zu ahnen, wie sich das
verlorene Paradies angefühlt haben mag.

 

 

13 Kommentare zu “Das Radiogleichnis im Steppenwolf

  1. Lustig, das Bild unten von Hermann Hesse ähnelt dir irgendwie auf den ersten Blick….
    Schönen Tag dir
    Crissi

  2. Auch das Innere, nehme ich an. Als ich den Steppenwolf damals las, war ich fasziniert und konnte es kaum glauben, wie meine damalige Seelenlage beschrieben ward.

  3. Wie innen, so aussen…Spannend. Dann hat mich also der erste Eindruck nicht getäuscht. Demian ist doch auch von ihm? Dies hab ich gelesen…. mit dem Steppenwolf kenne ich mich nicht aus.

  4. „Nichts ist außen, nichts ist innen, denn was außen ist, ist innen.“
    HH: Innen und Außen

    So spielt sich m.E. im Steppenwolf das äußere Geschehen innerseelisch ab. Harry repräsentiert den männlichen Anteil und Hermine den so dringend benötigten weiblichen Anteil von HH.

    Den Demian schrieb HH unter dem Pseudonym Emil Sinclair, wie ja auch der Name des Ich-Erzählers lautet.

    ,,Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte.“

  5. Hermine, ja, die weibliche Form von Hermann, würde dann ja passen mit dem weiblichen inneren Anteil.. eine Zerrissenheit, die jeder von uns mehr oder weniger spürbar durchlebt. Vor allem in Paarbeziehungen verursacht dies viele Probleme … wollte sich Harry nicht mit 50 umbringen? Naja, indem er ja Hermine umbrachte, hat er sich ja zu 50% selbst schon genommen….Und was hat ihn davon abgehalten?

    Habe heute grad das Buch eingeworfen… 🙂

    Grüssle ins Tägle
    Crissi

  6. Morgen 🙂

    Freu mich schon auf Deinen Roman.

    Fahre gleich mit dem Zug nach Freiburg und nehme als Lektüre den Steppenwolf mit, um Dir dann zu berichten, wie die Fügung Harry ins Leben zurücklockte.

    Ein großes Rätsel für mich ist, weshalb HH den Steppenwolf nach (!) Siddharta schrieb, da m.E. in Siddharta doch schon alle Antworten gefunden sind.

    Schönes Wochenende

  7. Gute Frage wegen Siddharta…. ist es nicht so, wenn man denkt, dass alle Antworten gefunden sind, das Leben dir das Gegenteil präsentiert? Eine Art Prüfung um zu schauen, ob du es wirklich kapiert hast? Und wie viele fallen danach in eine spirituelle Krise? Vielleicht HH auch?

  8. Hallo Chrissi

    Harry Haller wurde von der immer mal wieder aufleuchtenden Gottesspur (S. 40 + 43) abgehalten, welche ihn bis zu einem Tanzlokal leitete, in welchem er Bekanntschaft mit der Prostituierten Hermine machte.

    Der 50-Jährige HH war 1927, als der Steppenwolf veröffentlicht wurde, stark selbstmordgefährdet, wie aus einem Tagebucheintrag desselben Jahres hervorgeht:
    „Ich schmeiße alles hin, mein Leben, ich alternder Mann. Auf eure Welt anders zu reagieren als durch Krepieren oder durch den Steppenwolf wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.“
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/kultur-und-medien/bonn/Zeichnungen-und-Aquarelle-von-Hermann-Hesse-article1361392.html

    Ihn hielten wohl seine Gespräche mit dem Psychoanalytiker J.B. Lang vom Suizid ab.

    Klicke, um auf de_lebenskrise.pdf zuzugreifen

    Bei dieser Quelle auf S. 7 findet sich Deine und eine weitere Antwort, wie es sein kann, dass der Steppenwolf nach Siddharta entstand …

    Narri Narro

  9. Lieber Andreas
    Hast meine Mail gekriegt bezgl. der Infos meiner Kriminalromane? (nur noch als Ebook erhältlich)

    Zu HH:
    „“Ich schmeiße alles hin, mein Leben, ich alternder Mann. Auf eure Welt anders zu reagieren als durch Krepieren oder durch den Steppenwolf wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.”

    Da fragt man sich, ist es heute wirklich schlimmer als damals, unsere Welt? Alles war doch schon mal da und wird immer wieder erscheinen…. daher, der einzige Moment ist jetzt….. alles andere ist das Auffrischen alter Gedanken… und das Produzieren neuer Unpässlichkeiten…. 🙂

  10. HH sehnte sich nach Wahrem und Echtem – hatte hohe Ansprüche an sich selber – war aufgrund dieser Werte und Ideale nicht in die Gesellschaft integriert und litt daher an Einsamkeit – dazu kamen noch Gesundheitsprobleme und einige Schicksalsschläge. Auch seine damalige Zeit war wenig erbauend – HH engagierte sich als Emil Sinclair gegen den erahnbaren 2. Weltkrieg. Mit all dem möchte ich ausdrücken, liebe Chrissi, dass ich Verständnis für HHs tiefe Melancholie, seine Depressionen usw. habe.

    Solch sensible Menschen kennen grundsätzlich, so nehme ich an, sowohl das Leiden an der Welt als auch an sich selber – wahrscheinlich ganz unabhängig davon, zu welcher Zeit sie leb(t)en …

    An HH bewundere ich, dass er sich all dem stellte und sich langsam ins Akzeptierende/Spielerische/Lebensbejahende arbeitete.

  11. „An HH bewundere ich, dass er sich all dem stellte und sich langsam ins Akzeptierende/Spielerische/Lebensbejahende arbeitete…..“

    Wunderbar… und es ist die Antwort auf die andere Frage, wo ich dir gerade eben gestellt habe, anderswo 🙂

  12. Wo könnte das nur gewesen sein 😉

  13. Frank Kinslow spricht in seinem Buch „Das Stille-Paradox“
    u. a. von Menschen wie Sokrates, da Vinci und Einstein,
    die sich der gefüllten Stille in allem bewusst (gewesen)
    seien. Die ihre Priorität auf das reine Sein legten und
    die damit eine reinere Widerspiegelung der inneren
    Essenz seien. Heute an Karfreitag zitiere ich
    (bei den Klammern sinngemäß) von S. 133:

    ,, Jeder Radiosender hat seine eigene Frequenz.
    Ein Mensch mit (diesem Gewahrsein) drückt seine
    spezielle Gabe auf der Frequenz aus, die am besten
    zu ihm passt. Er versucht nicht Country-Lieder zu singen,
    wenn er klassischer Geiger ist. Wenn wir beim
    Radiosender-Beispiel bleiben, dann würde auf dem
    „da Vinci-Kanal“ vielleicht Klassik laufen und Einstein
    eine populäre Wissenschaftssendung moderieren.
    Sokrates wäre natürlich ein berühmter Talkshow
    -Gastgeber, der seinen Gästen tief gehende Fragen
    stellt und für lebhafte Diskussionen sorgt. Jeder
    Mensch, der (in diesem Gewahrsein) lebt, wird zu
    der Musik, die er sein soll. Er findet seinen richtigen
    Platz und erleuchtet und inspiriert dadurch uns alle.“

    Schöne Ostern

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