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Wir sehen uns nicht …

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Heute lud mich eine Bekannte spontan nach
Tübingen ins Kino ein. Bei dem Film „Gut gegen Nordwind “
geht es um einen Mann und eine Frau, die durch einen Irrtum
zuerst einen amüsant-philosophischen und mit der Zeit einen
immer persönlichen e-Mail-Kontakt fanden. Sie schrieben sich
offen, spontan und radikal ehrlich – wurden zunehmend
Seelenpartner, ja Liebende. Bei diesem Prozess kannten
sie nicht ihr jeweiliges Äußeres, begegneten sich
nicht von Angesicht zu Angesicht.

Gut gegen Nordwind01

Nach dem Film erinnerte ich mich an ein Erlebnis von vor
einigen Jahren. Ich war beim Ökodorf-Festival. An einem
sonnigen Nachmittag war ich Teilnehmer einer besonderen
Gruppe. Uns wurden die Augen verbunden und wir fanden
uns mit den Händen tastend zu Zweiergruppen zusammen.
Blind mit einem Partner Hand in Hand machten wir einen
Spaziergang durch sicheres und abwechslungsreiches Gelände,
einem sehenden Führer und unseren blinden Vorderleuten
lauschend hinterher. Irgendwann kam eine Pause, wir sollten
uns tastend eine neue Hand suchen und machten uns dann so
wieder auf den Rückweg. Wieder beim Ökodorf-Festival
angekommen, durften wir unsere Augenbinden abmachen
und reflektierten diese Übung. Soviel zum Setting.

Die erste Hand fühlte sich sensibel, vertrauensvoll,
stabil im Leben stehend und positiv an. Wir beide fanden
ein Gleichgewicht von Führen und Geführtwerden.
Andeutungsweise tauschten wir zwei-dreimal einen Hauch
von Zärtlichkeit aus und genossen unseren gemeinsamen
Weg. Stark, auf gleicher Augenhöhe, spontan und zutiefst
wertschätzend – so unsere Verbindung. Was für ein wunder-,
wundervoller Mensch da wohl Teil unserer Gruppe ist, so dachte
ich. Die zweite Hand auf dem Rückweg war demgegenüber
langweilig, ja fast schon seelenlos. Man erfüllte den aktuellen
Job, aber kein Sich-Begegnen. Wieder angekommen, durften
wir unsere Binden abnehmen und sprachen im Kreis von unseren
äußeren und inneren Erfahrungen. Nach diesem „offiziellen“ Teil
war ich natürlich neugierig, wem wohl die erste Hand gehörte.
Die „erste Hand“ war auch auf der Suche nach mir. Wir fanden
uns – und erschraken. Sie war schockiert, dass ich zu dieser
Hand gehörte. Ich war überrumpelt, dass diese Frau vor mir
tatsächlich meine erste Weggefährtin sein sollte. Natürlich
zeigten wir dies nicht, sondern fanden höfliche Worte für
unseren gemeinsamen Spaziergang – und sprachen
während des Festivals nicht mehr miteinander.

o

Wir schauen nur, aber wir sehen nicht …
Andrej Tarkowskij

 

o

 

2 Kommentare zu “Wir sehen uns nicht …

  1. Lieber Andreas
    Gerade diese Geschichte gelesen.
    Man sieht nur mit dem Herzen gut…. wir alle kennen diese Passage aus dem „der kleine Prinz“…
    Als ihr die Augen wieder offen hattet, wurde sofort der Verstand zum Widerstand und mauerte fleissig an der Mauer um das Herz. Es braucht Mut, die Seele zu lieben. Wir aber lieben meist nur Äusserlichkeiten und wundern uns ob der Vergänglichkeit.
    Grüsse Silvia

  2. Grüße in die Schweiz 🙂

    Im Artikel oben erwähnte ich, dass mich eine Bekannte zum Nordwind-Film einlud. Gestern schrieb ich eben ihr zu diesem Film. Und heute postest Du hier, Silvia …

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