Rundbriefkasten

Zum neuen Jahr(zehnt)

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o

Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe
Flamme die Erkenntnis: Es gab für jeden ein „Amt“,
aber für keinen eines, das er selber wählen, umschreiben
und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter
zu wollen, es war völlig falsch, der Welt irgendetwas
geben zu wollen! Es gab keine, keine, keine Pflicht
für erwachte Menschen als die eine: sich selber
zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen
Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führte.

Das erschütterte mich tief, und das war die Frucht
dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern
der Zukunft gespielt, ich hatte von Rollen geträumt,
die mir zugedacht sein könnten, als Dichter vielleicht
oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie.  All
das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu
predigen, um zu malen, weder ich noch sonst ein
Mensch war dazu da. Das alles ergab sich nur nebenher.

Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu
kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger,
als Prophet oder als Verbrecher enden – dies war nicht
seine Sache, ja dies war letzten Endes belanglos. Seine
Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein
beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und
ungebrochen. Alles andere war halb, war Versuch
zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse,
war Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern.
Furchtbar und heilig stieg das neue Bild vor mir auf,
hundertmal geahnt, vielleicht oft schon ausgesprochen,
und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein
Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts,
und diesen Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen
Willen in mir zu fühlen und ihn ganz zu meinem zu machen,
das allein war mein Beruf. Das allein!

Hermann Hesse: Demian, Kapitel 6

Quelle

o

3 Kommentare zu “Zum neuen Jahr(zehnt)

  1. Wahre Worte… 🙂

    • „Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger,
      als Prophet oder als Verbrecher enden – dies war nicht
      seine Sache, ja dies war letzten Endes belanglos.“- Das ist wahrlich nicht belanglos.

  2. Vielleicht in dem Sinne belanglos, dass es hauptsächlich darauf ankommt, ECHT und somit jenseits der Gut-und-Böse-Schubladisierungen zu leben. Alles andere wäre zweitrangig …

    Auch ich habe meine Fragen an H. H. :
    Kann man wahnsinnig werden, wenn man gemäß seiner Natur lebt ?
    Kann man als Verbrecher enden, wenn man sich selbst wird / ist ?

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