Rundbriefkasten


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Gott entdecken?

o

Wenn dir Dinge ständig im Kopf herumgehen,
verpufft der Kopf ständig seine Energie.
Der Kopf stumpft ab, wird gelangweilt, wird
so überlastet, dass dir das Leben einfach
sinnlos erscheint. Wenn der Kopf entlastet ist,
schwerelos, frisch, dann tritt Intelligenz ein,
dann schaust du mit frischen Augen auf die Welt,
mit einem frischen Bewusstsein, unbeschwert.
Dann ist die ganze Schöpfung schön – diese
Schönheit ist Gott. Dann ist die ganze Schöpfung
lebendig – diese Lebendigkeit ist Gott. Dann ist
die ganze Schöpfung ekstatisch, jeder Augenblick
davon, jedes kleine Stückchen davon ist selig
– diese Seligkeit, Ekstase ist Gott.

Gott ist keine Person, die irgendwo auf dich wartet:
Gott ist eine Offenbarung in 
dieser Welt. Wenn der
Kopf still ist, klar, unbelastet, jung, frisch, ungetrübt
– für einen ungetrübten Geist ist Gott überall.
Aber euer Geist ist tot, und ihr habt ihn abgetötet
durch einen ganz besonderen Prozess. Dieser
Prozess ist: Von einem Extrem zum anderen
zu gehen und von diesem Extrem wieder zu
einem anderen, ohne je in der Mitte zu bleiben.

Osho: Die verbotene Wahrheit – Über das Thomasevangelium

o

Fruchtlos ist unsre Mühe dich zu finden,
Mein Gott, denn wir sind stümperhafte Wesen;
Ob nun erfüllt von Wissen oder Einfalt,
Es fehlt uns ganz die Macht, dich zu begreifen:
Dein Name tönt, – doch unser Ohr ist taub,
Du zeigst dich uns, – doch unser Aug ist blind.

Omar Chayyām, Nachdichtungen von Hans Bethge

o

Die Stimme Gottes kommt nicht vom
Sinai und nicht aus der Bibel, das Wesen der
Liebe, der Schönheit, der Heiligkeit liegt nicht im
Christentum, nicht in der Antike, nicht bei Goethe,
nicht bei Tolstoi – es liegt in dir, in dir und in mir, in
jedem von uns. Dies ist die alte, einzig ewig gültige
Wahrheit. Es ist die Lehre vom „Himmelreich“,
welches wir „inwendig in uns“ tragen.

Hermann Hesse: Weihnacht

o

Alle Meister, Nisargadatta, Ramana sagen:
Wie konnte das Absolute Selbst anfangen, nach
sich selbst Ausschau zu halten? Wie konnte es je
zu einem Sucher werden, um das zu suchen,
was der Sucher ist? 

Karl Renz: Punkt

 

Das Wasser wird das Wasser
wohl als letztes entdecken.

o

Der Tropfen weint: „Wie bin vom Meer ich weit!“
Das Weltmeer lacht: „Vergeblich ist dein Leid!
Sind wir doch alle Eins, sind alle Gott –
Uns trennt ja nur das winz’ge Pünktchen ‚Zeit‘. – “

 

Man darf nicht nach dem Wesen suchen,
man darf nicht nach dem Inneren Christus suchen,

sondern man muss sich finden lassen. Wir werden
gesucht von der überwältigenden Wirklichkeit,
die unseren eigentlichen Kern ausmacht. (…)
Wenn
wir sie suchen, schieben wir sie weg.

Karlfried Graf Dürckheim, Quelle

 

 

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Wiedersehen mit Nina

 

Wenn ich nach Monaten der Abwesenheit auf meinen Tessiner Hügel zurückkehre, jedes mal wieder von seiner Schönheit überrascht und gerührt, dann bin ich nicht ohne weiteres einfach wieder zu Hause, sondern muss mich erst umpflanzen und neue Saugwurzeln treiben, muss Fäden wieder anknüpfen, Gewohnheiten wiederfinden und da und dort erst wieder Fühlung mit der Vergangenheit und Heimat suchen, ehe das südliche Landleben wieder zu munden beginnt. Es müssen nicht bloß die Koffer ausgepackt und die ländlichen Schuhe und Sommerkleider hervorgesucht werden, es muss auch festgestellt werden, ob es während des Winters tüchtig ins Schlafzimmer geregnet hat, ob die Nachbarn noch leben, es muss nachgesehen werden, was sich während eines halben Jahres hier wieder verändert hat, und wie viel Schritte der Prozess vorwärts gegangen ist, der allmählich auch diese geliebte Gegend ihrer lang bewahrten Unschuld entkleidet und mit den Segnungen der Zivilisation erfüllt. Richtig, bei der unteren Schlucht ist wieder ein ganzer Waldhang glatt abgeholzt,und es wird eine Villa gebaut, und an einer Kehre ist unsere Straße verbreitert worden, das hat einem zauberhaften alten Garten den Garaus gemacht. Die letzten Pferdeposten unserer Gegend sind eingegangen und durch Autos ersetzt, die neuen Wagen sind viel zu groß für diese alten, engen Gassen. Also nie mehr werde ich den alten Piero mit seinen beiden strotzenden Pferden sehen, wie er in der blauen Postillonsuniform mit der gelben Kutsche seinen Berg herunter gerasselt kommt, nie mehr werde ich ihn beim Grottodel Pace zu einem Glas Wein und einer kleinen außeramtlichen Ruhepause verführen. Ach, und niemals mehr werde ich über Liguno an dem herrlichen Waldrand sitzen, meinem liebsten Malplatz: ein Fremder hat Wald und Wiese gekauft und mit Draht eingezäunt, und wo die paar schönen Eschen standen, wird jetzt seine Garage gebaut.

Dagegen grünen die Grasstreifen unter den Reben in der alten Frische, und unter den welken Blättern hervor rascheln wie immer die blaugrünen Smaragdeidechsen, der Wald ist blau und weiß von Immergrün, Anemonen und Erdbeerblüte, und durch den junggrünen Wald schimmert kühl und sanft der See herauf.

Ich habe die Koffer ausgepackt, habe mir die Dorfneuigkeiten erzählen lassen, habe der Witwe des verstorbenen Cesco kondoliert und der Ninetta zu ihrer schwarzäugigen Bambina Glück gewünscht, ich habe auch meine Malsachen herausgesucht und bereitgelegt, den Rucksack, das Stühlchen, das hübsche körnige Aquarellierpapier, die Bleistifte, die Farben. Das ist immer das hübscheste bei dieser Arbeit: alle die kleinen Vertiefungen meiner Palette mit den frischen, froh leuchtenden Farben anzufüllen, dem beglückenden Kobaltblau, dem lachenden Zinnober, dem zarten Zitrongelb, dem durchsichtigen Gummigutt. Das wäre nun getan. Aber mit dem Wiederbeginn des Malens ist es so eine Sache, ich schiebe es gern noch ein wenig hinaus, bis morgen, bis zum Sonntag, bis zur nächsten Woche. Wenn man nach sechs Monaten zum ersten mal wieder im Grünen sitzt und seinen Pinsel ins Wasser taucht und sich jetzt wieder daran machen will, ein Stück vom Sommer aufs Papier zu bringen, dann sitzt man mit dem entwöhnten Auge und der ungeübten Hand recht hilflos und traurig da, und Gras und Stein, Himmel und Gewölk sind schöner, als sie jemals waren, und unmöglicher und gewagter als je scheint es, sie malen zu wollen. Nein, ich warte damit noch ein wenig. Immerhin, ein ganzer Sommer und Herbst liegt vor mir, noch einmal hoffe ich es ein paar Monate lang gut zu haben, lange Tage im Freien dahinzuleben, die Gicht wieder ein wenig loszuwerden, mit meinen Farben zu spielen und das Leben etwas fröhlicher und unschuldiger zu leben, als es im Winter und in den Städten möglich ist. Schnell laufen die Jahre weg – die barfüßigen Kinder, die ich vor Jahren bei meinem Einzug in dies Dorf zur Schule laufen sah, sind schon verheiratet oder sitzen in Lugano oder Mailand an Schreibmaschinen oder hinter Ladentischen, und die damaligen Alten, die Dorfgreise, sind inzwischen gestorben.

Da fällt mir die Nina ein – ob die noch am Leben ist? Lieber Gott, dass ich erst jetzt an sie denke! Die Nina ist meine Freundin, eine der wenigen guten Freundinnen, die ich in der Gegend habe. Sie ist 78 Jahre alt und wohnt in einem der hintersten kleinen Dörfchen der Gegend, an welches die neue Zeit noch nicht die Hand gelegt hat. Der Weg zu ihr ist steil und beschwerlich, ich muss in der Sonne einige hundert Meter den Berg hinab und jenseits wieder hinaufsteigen. Aber ich mache mich sofort auf den Weg und laufe erst durch die Weinberge und den Wald bergab, dann quer durchs grüne schmale Tal, dann steil jenseits bergan über die Hänge, die im Sommer voll von Zyklamen und im Winter voll von Christrosen stehen. Das erste Kind im Dorf frage ich, was denn die alte Nina mache. O, wird mir erzählt, die sitze am Abend noch immer an der Kirchenmauer und schnupfe Tabak. Zufrieden gehe ich weiter: sie ist also noch am Leben, ich habe sie noch nicht verloren, sie wird mich lieb empfangen und wird zwar etwas brummen und klagen, mir aber doch wieder das aufrechte Beispiel eines einsamen alten Menschen geben, der sein Alter, seine Gicht, seine Armut und Vereinsamung zäh und nicht ohne Spaß erträgt und vor der Welt keine Faxen und Verbeugungen macht, sondern auf sie spuckt und gesonnen ist, bis zur letzten Stunde weder Arzt noch Priester in Anspruch zu nehmen.

Von der blendenden Straße trat ich an der Kapelle vorbei in den Schatten des uralten finsteren Gemäuers, das da verwinkelt und trotzig auf dem Fels des Bergrückens steht und keine Zeit kennt, kein anderes Heute als die ewig wiederkehrende Sonne, keinen Wechsel als den der Jahreszeiten, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Jahrhundert um Jahrhundert. Irgendeinmal werden auch diese alten Mauern fallen, werden diese schönen, finstern, unhygienischen Winkel umgebaut und mit Zement, Blech, fließendem Wasser, Hygiene, Grammophonen und andern Kulturgütern ausgestattet sein, über den Gebeinen der alten Nina wird ein Hotel mit französischer Speisekarte stehen oder ein Berliner seine Sommervilla bauen. Nun, heute stehen sie noch, und ich steige über die hohe Steinschwelle und die gekrümmte steinerne Treppe hinauf in die Küche meiner Freundin Nina. Da riecht es wie immer nach Stein und Kühle und Ruß und Kaffee und intensiv nach dem Rauch von grünem Holz, und auf dem Steinboden vor dem riesigen Kamin sitzt auf ihrem niederen Schemel die alte Nina und hat im Kamin ein Feuerchen brennen, von dessen Rauch ihr die Augen etwas tränen, und stopft mit ihren braunen gichtgekrümmten Fingern die Holzreste ins Feuer zurück.

»Hallo, Nina, grüß Gott, kennt Ihr mich noch?«

»Oh, Signor poeta, caro amico, son content dirivederla!«

Sie erhebt sich, obwohl ich es nicht dulden will, sie steht auf und braucht lange dazu, es geht mühsam mit den steifen Gliedern. In der Linken hat sie die hölzerne Tabaksdose zittern, um Brust und Rücken ein schwarzes Wolltuch gebunden. Aus dem alten schönen Raubvogelgesicht blicken traurigspöttisch die scharfen gescheiten Augen. Spöttisch und kameradschaftlich blickt sie mich an, sie kennt den Steppenwolf, sie weiß, dass ich zwar ein Signore und ein Künstler bin, dass aber doch nicht viel mit mir los ist, dass ich allein da im Tessin herumlaufe und das Glück ebenso wenig eingefangen habe wie sie selber, obwohl ohne Zweifel wir beide ziemlich scharf darauf aus waren. Schade, Nina, dass du für mich vierzig Jahre zu früh geboren bist. Schade! Zwar scheinst du nicht jedem schön, manchen scheinst du eher eine alte Hexe zu sein, mit etwas entzündeten Augen, mit etwas gekrümmten Gliedern, mit dreckigen Fingern und mit Schnupftabak an der Nase. Aber was für eine Nase in dem faltigen Adlergesicht! Was für eine Haltung, wenn sie sich erst aufgerichtet hat und in ihrer hagern Größe aufrecht steht! Und wie klug, wie stolz, wie verachtend und doch nicht böse ist der Blick deiner schön geschnittenen, freien, unerschrockenen Augen! Was musst du, greise Nina, für ein schönes Mädchen, was für eine schöne, kühne, rassige Frau gewesen sein! Nina erinnert mich an den vergangenen Sommer, an meine Freunde, an meine Schwester, an meine Geliebte, die sie alle kennt, sie späht dazwischen scharf nach dem Kessel, sieht das Wasser sieden, schüttet gemahlenen Kaffee aus der Lade der Kaffeemühle hinein, stellt mir eine Tasse her, bietet mir zu schnupfen an, und jetzt sitzen wir am Feuer, trinken Kaffee, spucken ins Feuer, erzählen, fragen, werden allmählich schweigsam, sagen dies und jenes von der Gicht, vom Winter, von der Zweifelhaftigkeit des Lebens.

»Die Gicht! Eine Hure ist sie, eine verfluchte Hure! Sporca puttana! Möge sie der Teufel holen! Möge sie verrecken. Na, lassen wir das Schimpfen! Ich bin froh, dass Ihr gekommen seid, ich bin sehr froh. Wir wollen Freunde bleiben. Es kommen nicht mehr viele zu einem, wenn man alt ist. Achtundsiebzig bin ich jetzt.«

Sie steht nochmals mit Mühen auf, sie geht ins Nebenzimmer, wo am Spiegel die erblindeten Photographien stecken. Ich weiß, jetzt sucht sie nach einem Geschenk für mich. Sie findet nichts und bietet mir eine der alten Photographien als Gastgeschenk an, und als ich sie nicht nehme, muss ich wenigstens noch einmal aus ihrer Dose schnupfen.

Es ist in der verrauchten Küche meiner Freundin nicht sehr sauber und gar nicht hygienisch, der Boden ist vollgespuckt, und das Stroh am Stuhl hängt zerrissen herunter, und wenige von Euch Lesern würden gern aus dieser Kaffeekanne trinken, dieser alten blechernen Kanne, die schwarz von Ruß und grau von Aschenresten ist und an deren Rändern seit Jahren der vertrocknete eingedickte Kaffee eine dicke Kruste gebildet hat. Wir leben hier außerhalb der heutigen Welt und Zeit, etwas ruppig und schäbig zwar, etwas verkommen und gar nicht hygienisch, aber dafür nahe bei Wald und Berg, nahe bei den Ziegen und Hühnern (sie laufen gackernd in der Küche herum), nahe bei den Hexen und Märchen. Der Kaffee aus der krummen Blechkanne schmeckt wundervoll, ein starker tiefschwarzer Kaffee mit einem leisen, aromatischen Anflug vom bittern Geschmack des Holzrauches, und unser Beisammensitzen und Kaffeetrinken und die Schimpfworte und Koseworte und das tapfere alte Gesicht der Nina sind mir unendlich viel lieber als zwölf Tee-Einladungen mit Tanz, als zwölf Abende mit Literaturgespräch im Kreise berühmter Intellektueller – obwohl ich gewiss auch diesen hübschen Dingen ihren relativen Wert nicht absprechen möchte.

Draußen geht jetzt die Sonne weg, Ninas Katze kommt herein und ihr auf den Schoß gesprungen, wärmer leuchtet der Feuerschein an den gekalkten Steinwänden. Wie kalt, wie grausam kalt muss der Winter in dieser hohen, schattigen, leeren Steinhöhle gewesen sein, nichts drin als das winzige offene Feuerchen, im Kamin flackernd, und die alte einsame Frau mit der Gicht in den Gelenken, ohne andere Gesellschaft als die Katze und die drei Hühner.

Die Katze wird wieder fortgejagt. Nina steht wieder auf, groß und gespenstisch steht sie im Zwielicht, die hagere knochige Gestalt mit dem weißen Schopf über dem streng blickenden Raubvogelgesicht. Sie lässt mich noch nicht fort. Sie hat mich eingeladen, noch eine Stunde ihr Gast zu sein und geht nun, um Brot und Wein zu holen. 

(1927)

 

Hermann Hesse, Die Kunst des Müßiggangs, S. 393 ff


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Der Dieb beim Mystiker

„Ein Dieb schlich sich eines Nachts in die Hütte eines
Mystikers. Es war
gerade Vollmond und eigentlich
warer aus Versehen in diese Hütte
geraten.
ansonsten … was gibt es bei einem Mystiker
schon zu stehlen?
Der Dieb schaute sich um
und war überrascht, wie leer alles war. Plötzlich
sah er einen Mann,der mit einer Kerze in der Hand
daherkam. Der Mann
sagte: „Was suchst du hier im
Dunkeln? Warum hast du mich nicht geweckt?
Ich
habe nahe bei der Tür geschlafen und hätte dir
das ganze Haus zeigen
können.“ Und dabei
sah er so einfach und unschuldig aus, als
könnte er
sich überhaupt nicht vorstellen,
einen Dieb vor sich zu haben. Beim
Anblick
solcher Einfachheit und Unschuld sagte der Dieb:
„Weißt
du etwa nicht, dass ich ein Dieb bin?“

Der Mystiker meinte: „Das macht nichts, jeder muss
schließlich irgend etwas sein. Die Sache ist nur … ich lebe
seit
dreißig Jahren in diesem Haus, und ich habe noch nie
etwas gefunden.
Wir können ja zusammen suchen! Und wenn
wir etwas finden, können wir
es uns teilen. Ich habe in diesem
Haus nichts gefunden, es ist leer.“ Der Dieb
bekam es mit
der Angst zu tun – der Mann schien etwas merkwürdig zu
sein,
Entweder ist er verrückt oder … wer weiß, was das
für ein Mann ist? Er
wollte davonrennen, außerdem
hatte er draußen noch ein paar Sachen
liegen
lassen, die er in anderen Häusern gestohlen hatte.

Der Mystiker besaß nur eine Decke – das war alles, was er
hatte – und die Nacht war kalt. Daher sagte er zu dem Dieb:
„Gehe so
nicht fort, beleidige mich nicht. Ich könnte es mir
nicht verzeihen, dass ein
armer Mann, der mitten in der Nacht
in mein Haus kommt, mit leeren Händen
wieder fortgehen müsste.
Hier, nimm diese Decke. Sie wird dir nützen,
denn draußen
ist es kalt. Ich bin im Haus, hier ist es wärmer.“

Und er legte dem Dieb die Decke um. Jetzt begann
der Dieb völlig
den Verstand zu verlieren! Er rief:
„Was tust du da? Ich bin doch ein Dieb!“

Der Mystiker antwortete: „Das macht nichts. Auf
dieser Welt muss jeder
irgendetwas sein, irgendetwas tun.
Du stiehlst vielleicht, aber was
macht das schon? – ein Beruf ist
ein Beruf. Hauptsache du
machst deine Sache gut, meinen
Segen hast du. Leiste gute
Arbeit und lass dich nicht
erwischen, sonst ergeht es dir schlecht.“

Der Dieb sagte: „Du bist merkwürdig.
Du bist nackt und hast gar nichts …“

Der Mystiker meinte: „Mach dir keine Sorgen,
ich komme mit dir! 
Mich hat nur die Decke noch
im Haus gehalten, ansonsten gibt
es hier nichts – und
die Decke hast du jetzt. Ich komme mit
dir mit, wir werden
zusammen leben! Und du scheinst viele
Dinge zu besitzen,
das wird eine gute Partnerschaft. Ich habe dir mein ganzes
Hab und Gut gegeben, du kannst mir etwas von
deinen
Sachen abgeben – das wäre gerecht.“ Der Dieb konnte
es nicht
glauben. Er wollte nur noch weglaufen
von diesem Haus und diesem Mann.
Er sagte:
„Nein, ich kann dich nicht mitnehmen. Ich habe
Frau und Kinder.
Und was werden die Nachbarn sagen,
wenn ich einen nackten Mann
mitbringe?“ Der Mystiker
sagte: „Du hast recht. Ich will dich nicht
in Verlegenheit
bringen. Geh nur, ich bleibe hier in diesem Haus.“
Als der Dieb fortging, rief ihm der Mystiker nach:
„He, komm
zurück!“ Der Dieb hatte noch nie eine so
kraftvolle Stimme
gehört, sie durchfuhr ihn wie ein Messer.
Er musste zurückgehen.
Der Mystiker sagte: „Du solltest
etwas Höflichkeit lernen. Ich habe
dir die Decke gegeben,
und du hast mir nicht einmal gedankt.
Bedanke dich
gefälligst zuerst – das wird dir später helfen.

Zweitens, wenn du weggehst, mach die Tür zu! Siehst
du denn nicht, dass es kalt ist und ich nackt bin? Dass
du ein Dieb bist, macht mir nichts aus, aber was Höflichkeit
angeht, da bin ich genau. Dieses Benehmen kann ich nicht
zulassen.
Sage danke!“ Und der Dieb musste danke sagen,
dann schloss er die Tür
und lief davon. Unglaublich,
was da geschehen war! Die ganze Nacht
lang konnte
er nicht schlafen. Immer wieder musste er daran

denken. Noch nie hatte er eine so starke Stimme gehört,
eine solche Kraft. Und dabei besaß der Mann nichts!

Am nächsten Tag erfuhr er, dass dieser Mann ein 
großer Meister war. Er hatte einen Fehler
begangen. Es war sehr hässlich von ihm,
bei diesem armen Mann einzudringen. Er
besaß nichts, aber er war ein großer Meister.

Der Dieb sagte: „Jetzt verstehe ich. Er ist ein sehr
merkwürdiger Mann. Ich habe in meinem Leben schon
viele
Menschen gesehen, von den ärmsten bis zu den reichsten,
aber
noch nie … wenn ich nur daran denke, läuft mir noch ein
Schauer
über den Rücken. Als er mich zurückrief, hätte ich
weglaufen können.
Ich war völlig frei, ich hätte meine
Sachen nehmen und weglaufen
können, aber ich
brachte es nicht fertig. In seiner Stimme

war etwas, das mich zu ihm zurückzog“.

Einige Monate später wurde der Dieb
festgenommen und
der Richter fragte ihn:
„Gibt es jemand in deiner
Nachbarschaft, der dich
kennt?“ Er antwortete: „Ja, einer
kennt mich“
– und er nannte den Namen des Meisters.

Der Richter sagte: „Das genügt – ruft den Meister her.
Seine
Stimme wiegt;soviel wie die von zehntausend anderen.
Was er
über dich sagt, reicht mir, um ein Urteil zu fällen.“
Der Richter fragte
den Meister. „Kennst du diesen Mann?“
Er sagte: „Ob ich ihn kenne? Wir
sind Partner! Er ist mein
Freund, einmal hat er mich sogar mitten in
der Nacht besucht.
Und weil es so kalt war, gab ich ihm meine
Decke. Er hat
sie um, siehst du? Diese Decke ist im ganzen
Land
bekannt, jeder weiß, dass sie mir gehört.“

Der Richter sagte: „Er ist dein Freund? Und er stiehlt
nicht?“ Der
Meister sagte: „Nie! Er kann gar nicht stehlen.
Er ist so ein Gentleman,
dass er sich bedankte, als ich ihm
die Decke gab. Und als er ging, schloss 
er vorsichtig die
Türe hinter sich. Er ist ein sehr höflicher, netter Bursche.“

Der Richter sagte: „Wenn du das sagst, dann sind die
Aussagen der
anderen Zeugen, die behaupten, er sei
ein Dieb, hinfällig. Er ist frei.“
Der Mystiker ging hinaus,
aber der Dieb folgte ihm. Der Mystiker
sagte zu ihm:
„Was soll das? Warum kommst du mir nach?“

Er antwortete: „Ich kann dich jetzt nie mehr verlassen.
Du hast mich deinen Freund genannt, deinen Partner. Niemand
hat mir jemals solchen Respekt erwiesen. Du bist der erste Mensch,
der gesagt hat, ich sei ein Gentleman, ein netter Mensch.
Ich werde zu deinen Füßen sitzen und lernen“

Quelle:
Beyond Psychology, #37
Osho Foundation International

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Wie der Sasower die Liebe lernte

~ für Karo und Torsten zur Hochzeit ~


Quelle

Rabbi Moses Löb erzählte: »Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern
gelernt. Der saß mit anderen Bauern in einer Schenke und trank. Lange schwieg er wie die
anderen alle.  Als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: ‚Sag
du, liebst du mich oder liebst du mich nicht?‘ Jener antwortete: ‚Ich liebe dich sehr.‘ Er aber
sprach wieder: ‚Du sagst: ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du
mich in Wahrheit, du würdest es in Wahrheit wissen.‘ Der andere vermochte kein Wort zu
erwidern, und auch der Bauer, der gefragt hatte, schwieg wie vorher. Ich aber verstand:
das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen.«

Martin Buber: Hundert chassidische Geschichten, S. 47


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Von den Kindern

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des
Lebens nach sich selber.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und
obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure
Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren
Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht
nicht, sie euch ähnlich zu machen.

Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt
es im Gestern.

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende
Pfeile ausgeschickt werden.

Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile
schnell und weit fliegen.

Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude
gerichtet sein; denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran: Der Prophet
.

..

Wie könnte das ganz praktisch aussehen?  Im Folgendem
erzähle ich von Hanna bis zu ihrem 2. Lebensjahr..

HannaSchubkarre

In welcher Atmosphäre findet die Zeugung statt? Welche
Seele geht damit in Resonanz? Bei Hanna war es im Rahmen
eines wunderbaren Aufklärerkongresses.

Biete ich dem Kind schon im Mutterleib Schutz? Hanna
war vor Zigaretten, Pillen, Alkohol, Stress und Ultraschall
bewahrt.

Die erste große und damit prägende Erfahrung ist die Geburt.
Wo kann die Mama bestmöglich bei sich und dem Kind sein?
Hannas Geburt war daheim.

Wie gestalte ich die ersten Tage und Wochen? Ich ging
zuerst nicht zur Arbeit und wir empfingen wenig Besuch.
Wir ließen uns Zeit, uns aneinander zu gewöhnen, uns
in aller Ruhe kennenzulernen.

Hanna sah kaum Ärzte und wurde auch nicht geimpft.
Sie war (auch daher, so behaupte ich) kerngesund.

Wie erlebt eine Seele die Welt im Kinderwagen und wie
im Tragetuch? Was bedeutet beides für das Körpergefühl?
Voller Stolz trug ich Hanna jeden Tag im Tragetuch – immer
auch am rauschenden Wasser vorbei. Sie schlief oder schaute
geschützt und neugierig in die Welt hinaus.

Gegen den Strom sind wir auch beim Stillen geschwommen.
Sie bekam ihre Muttermilch so lange sie wollte.

Zur gesunden Ernährung gehörten auch Biolebensmittel,
kein Zucker, kaum Weißmehl und kein Hippes Alete.

Wie schafft man es, die Seele so wenig wie möglich
fremdzubestimmen? Bei uns durfte Hanna ausgiebig
ihren Impulsen folgen. Ihr Handeln war grundsätzlich
gut und damit sie selber.

Wie jede Freiheit, so braucht auch diese einen Rahmen.
So war so manches immer wieder gleich, also ritualisiert.
Vor dem Schlafengehen z. B. durfte sich Hanna ein Lied
aussuchen und ich tanzte mit ihr auf dem Arm.

Klare Regeln bzw. Grenzen geben Sicherheit. Die Katze
durfte nicht auf den Essenstisch – und Hanna eben auch
nicht.

Aus der heutigen Perspektive fällt es mir schwer zu schreiben,
aber Mama und Papa haben sich sehr geliebt und dies sog
Hanna ganz automatisch in sich auf.

Vielleicht kann der eine oder andere Impuls für werdende
Mütter und Väter hilfreich sein. Für Hanna jedenfalls war`s
nicht zum Nachteil. Sie war heil im Sinne von klar und stark,
feinfühlig und sogar telepathisch. Ihre Gegenwart war heilend.


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Das Radiogleichnis im Steppenwolf

Nachdem Harry Hermine erstochen hatte, besuchte ihn Mozart.

Es war aber ein Radioapparat, den er da
aufgestellt hatte und in Gang brachte, und
jetzt schaltete er den Lautsprecher ein und
sagte: ,,Man hört München, das Concerto
grosso in F-Dur von Händel.“

In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen
Erstaunen und Entsetzen, der teufliche Blechtrichter
nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim
und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer
von Grammophonen und Abonnenten des Radios
übereingekommen sind, Musik zu nennen, – und
hinter dem trüben Geschleime und Gekrächze
war wahrhaftig, wie hinter dicker Schmutzkruste
ein altes köstliches Bild, die edle Struktur dieser
göttlichen Musik zu erkennen, der königliche Aufbau,
der kühle weite Atem, der satte breite Streicherklang.

,,Mein Gott“, rief ich entsetzt, ,,was tun Sie, Mozart?
Ist es Ihr Ernst, dass Sie sich und mir diese Schweinerei
antun? Dass Sie diesen scheußlichen Apparat auf uns
loslassen, den Triumph unserer Zeit, ihre
letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf
gegen die Kunst? Muss das sein, Mozart?“

O wie lachte da der unheimliche Mann, wie
lachte er kalt und geisterhaft, lautlos und
doch alles durch sein Lachen zertrümmernd!
Mit innigem Vergnügen sah er meinen Qualen
zu, drehte an den verfluchten Schrauben, rückte
am Blechtrichter. Lachend ließ er die entstellte,
entseelte und vergiftete Musik weiter in den
Raum sickern, lachend gab er mir Antwort.

,,Bitte kein Pathos, Herr Nachbar! Haben Sie
übrigens das Ritardando da beachtet? Ein Einfall,
hm? Ja, und nun lassen Sie einmal, Sie ungeduldiger
Mensch, diesen Gedanken des Ritardando in sich
hinein – hören Sie die Bässe? Sie schreiten wie
Götter – und lassen Sie diesen Einfall des alten
Händel Ihr unruhiges Herz durchdringen und
beruhigen! Hören Sie einmal, Sie Männlein,
ohne Pathos und ohne Spott, hinter dem in der
Tat hoffnungslos idiotischen Schleier dieses
lächerlichen Apparates die ferne Gestalt
dieser Göttermusik vorüberwandeln! Merken
Sie auf, es lässt sich etwas dabei lernen. Achten
Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre
scheinbar das Dümmste, Unnützeste und
Verbotenste von der Welt tut und eine
irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm
und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen
fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein
schmeißt – und wie sie dennoch nicht den Urgeist
dieser Musik zerstören kann, sondern an ihr nur
ihre eigene ratlose Technik und Betriebmacherei
erweisen muss! Hören Sie gut zu, Männlein, es
tut Ihnen not! Also, Ohren auf! So. Und nun
hören Sie ja nicht bloß einen durch das Radio
vergewaltigten Händel, der dennoch auch in
dieser scheußlichsten Erscheinungsform noch
göttlich ist, – Sie hören und sehen, Wertester,
zugleich ein treffliches Gleichnis alles Lebens.
Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und
sehen Sie den Urkampf zwischen Idee und
Erscheinung
, zwischen Ewigkeit und Zeit,
zwischen Göttlichem und Menschlichem.
Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die
herrlichste Musik der Welt zehn Minuten
lang wahllos in die unmöglichsten Räume
wirft, in bürgerliche Salons und in
Dachkammern, zwischen schwatzende,
fressende, gähnende, schlafende Abonnenten
hinein, so, wie er diese Musik ihrer sinnlichen
Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und
verschleimt und dennoch ihren Geist nicht
ganz umbringen kann – gerade so schmeißt
das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit
dem herrlichen Bilderspiel der Welt um sich,
lässt auf Händel einen Vortrag über die Technik
der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen
Betrieben folgen, macht aus zauberhaften
Orchesterklängen
einen unappetitlichen
Töneschleim, schiebt seine Technik, seine
Betriebsamkeit, seine wüste Notdurft und
Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit,
zwischen Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist
so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen,
und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu.
Leuten von Ihrer Art steht es durchaus nicht zu,
am Radio oder am Leben Kritik zu üben. Lernen
Sie erst lieber zuhören! Lernen Sie ernstnehmen, was
des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre!

Hermann Hesses Steppenwolf, 270 ff

 

 


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Ist Geben seliger denn Nehmen?

Ich leite etwas von hier weiter:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.“

Bernhard von Clairvaux