Rundbriefkasten


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Wie der Sasower die Liebe lernte

~ für Karo und Torsten zur Hochzeit ~


Quelle

Rabbi Moses Löb erzählte: »Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern
gelernt. Der saß mit anderen Bauern in einer Schenke und trank. Lange schwieg er wie die
anderen alle.  Als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: ‚Sag
du, liebst du mich oder liebst du mich nicht?‘ Jener antwortete: ‚Ich liebe dich sehr.‘ Er aber
sprach wieder: ‚Du sagst: ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du
mich in Wahrheit, du würdest es in Wahrheit wissen.‘ Der andere vermochte kein Wort zu
erwidern, und auch der Bauer, der gefragt hatte, schwieg wie vorher. Ich aber verstand:
das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen.«

Martin Buber: Hundert chassidische Geschichten, S. 47


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Von den Kindern

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des
Lebens nach sich selber.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und
obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure
Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren
Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht
nicht, sie euch ähnlich zu machen.

Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt
es im Gestern.

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende
Pfeile ausgeschickt werden.

Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile
schnell und weit fliegen.

Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude
gerichtet sein; denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran: Der Prophet
.

..

Wie könnte das ganz praktisch aussehen?  Im Folgendem
erzähle ich von Hanna bis zu ihrem 2. Lebensjahr..

HannaSchubkarre

In welcher Atmosphäre findet die Zeugung statt? Welche
Seele geht damit in Resonanz? Bei Hanna war es im Rahmen
eines wunderbaren Aufklärerkongresses.

Biete ich dem Kind schon im Mutterleib Schutz? Hanna
war vor Zigaretten, Pillen, Alkohol, Stress und Ultraschall
bewahrt.

Die erste große und damit prägende Erfahrung ist die Geburt.
Wo kann die Mama bestmöglich bei sich und dem Kind sein?
Hannas Geburt war daheim.

Wie gestalte ich die ersten Tage und Wochen? Ich ging
zuerst nicht zur Arbeit und wir empfingen wenig Besuch.
Wir ließen uns Zeit, uns aneinander zu gewöhnen, uns
in aller Ruhe kennenzulernen.

Hanna sah kaum Ärzte und wurde auch nicht geimpft.
Sie war (auch daher, so behaupte ich) kerngesund.

Wie erlebt eine Seele die Welt im Kinderwagen und wie
im Tragetuch? Was bedeutet beides für das Körpergefühl?
Voller Stolz trug ich Hanna jeden Tag im Tragetuch – immer
auch am rauschenden Wasser vorbei. Sie schlief oder schaute
geschützt und neugierig in die Welt hinaus.

Gegen den Strom sind wir auch beim Stillen geschwommen.
Sie bekam ihre Muttermilch so lange sie wollte.

Zur gesunden Ernährung gehörten auch Biolebensmittel,
kein Zucker, kaum Weißmehl und kein Hippes Alete.

Wie schafft man es, die Seele so wenig wie möglich
fremdzubestimmen? Bei uns durfte Hanna ausgiebig
ihren Impulsen folgen. Ihr Handeln war grundsätzlich
gut und damit sie selber.

Wie jede Freiheit, so braucht auch diese einen Rahmen.
So war so manches immer wieder gleich, also ritualisiert.
Vor dem Schlafengehen z. B. durfte sich Hanna ein Lied
aussuchen und ich tanzte mit ihr auf dem Arm.

Klare Regeln bzw. Grenzen geben Sicherheit. Die Katze
durfte nicht auf den Essenstisch – und Hanna eben auch
nicht.

Aus der heutigen Perspektive fällt es mir schwer zu schreiben,
aber Mama und Papa haben sich sehr geliebt und dies sog
Hanna ganz automatisch in sich auf.

Vielleicht kann der eine oder andere Impuls für werdende
Mütter und Väter hilfreich sein. Für Hanna jedenfalls war`s
nicht zum Nachteil. Sie war heil im Sinne von klar und stark,
feinfühlig und sogar telepathisch. Ihre Gegenwart war heilend.


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Das Radiogleichnis im Steppenwolf

Nachdem Harry Hermine erstochen hatte, besuchte ihn Mozart.

Es war aber ein Radioapparat, den er da
aufgestellt hatte und in Gang brachte, und
jetzt schaltete er den Lautsprecher ein und
sagte: ,,Man hört München, das Concerto
grosso in F-Dur von Händel.“

In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen
Erstaunen und Entsetzen, der teufliche Blechtrichter
nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim
und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer
von Grammophonen und Abonnenten des Radios
übereingekommen sind, Musik zu nennen, – und
hinter dem trüben Geschleime und Gekrächze
war wahrhaftig, wie hinter dicker Schmutzkruste
ein altes köstliches Bild, die edle Struktur dieser
göttlichen Musik zu erkennen, der königliche Aufbau,
der kühle weite Atem, der satte breite Streicherklang.

,,Mein Gott“, rief ich entsetzt, ,,was tun Sie, Mozart?
Ist es Ihr Ernst, dass Sie sich und mir diese Schweinerei
antun? Dass Sie diesen scheußlichen Apparat auf uns
loslassen, den Triumph unserer Zeit, ihre
letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf
gegen die Kunst? Muss das sein, Mozart?“

O wie lachte da der unheimliche Mann, wie
lachte er kalt und geisterhaft, lautlos und
doch alles durch sein Lachen zertrümmernd!
Mit innigem Vergnügen sah er meinen Qualen
zu, drehte an den verfluchten Schrauben, rückte
am Blechtrichter. Lachend ließ er die entstellte,
entseelte und vergiftete Musik weiter in den
Raum sickern, lachend gab er mir Antwort.

,,Bitte kein Pathos, Herr Nachbar! Haben Sie
übrigens das Ritardando da beachtet? Ein Einfall,
hm? Ja, und nun lassen Sie einmal, Sie ungeduldiger
Mensch, diesen Gedanken des Ritardando in sich
hinein – hören Sie die Bässe? Sie schreiten wie
Götter – und lassen Sie diesen Einfall des alten
Händel Ihr unruhiges Herz durchdringen und
beruhigen! Hören Sie einmal, Sie Männlein,
ohne Pathos und ohne Spott, hinter dem in der
Tat hoffnungslos idiotischen Schleier dieses
lächerlichen Apparates die ferne Gestalt
dieser Göttermusik vorüberwandeln! Merken
Sie auf, es lässt sich etwas dabei lernen. Achten
Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre
scheinbar das Dümmste, Unnützeste und
Verbotenste von der Welt tut und eine
irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm
und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen
fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein
schmeißt – und wie sie dennoch nicht den Urgeist
dieser Musik zerstören kann, sondern an ihr nur
ihre eigene ratlose Technik und Betriebmacherei
erweisen muss! Hören Sie gut zu, Männlein, es
tut Ihnen not! Also, Ohren auf! So. Und nun
hören Sie ja nicht bloß einen durch das Radio
vergewaltigten Händel, der dennoch auch in
dieser scheußlichsten Erscheinungsform noch
göttlich ist, – Sie hören und sehen, Wertester,
zugleich ein treffliches Gleichnis alles Lebens.
Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und
sehen Sie den Urkampf zwischen Idee und
Erscheinung
, zwischen Ewigkeit und Zeit,
zwischen Göttlichem und Menschlichem.
Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die
herrlichste Musik der Welt zehn Minuten
lang wahllos in die unmöglichsten Räume
wirft, in bürgerliche Salons und in
Dachkammern, zwischen schwatzende,
fressende, gähnende, schlafende Abonnenten
hinein, so, wie er diese Musik ihrer sinnlichen
Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und
verschleimt und dennoch ihren Geist nicht
ganz umbringen kann – gerade so schmeißt
das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit
dem herrlichen Bilderspiel der Welt um sich,
lässt auf Händel einen Vortrag über die Technik
der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen
Betrieben folgen, macht aus zauberhaften
Orchesterklängen
einen unappetitlichen
Töneschleim, schiebt seine Technik, seine
Betriebsamkeit, seine wüste Notdurft und
Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit,
zwischen Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist
so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen,
und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu.
Leuten von Ihrer Art steht es durchaus nicht zu,
am Radio oder am Leben Kritik zu üben. Lernen
Sie erst lieber zuhören! Lernen Sie ernstnehmen, was
des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre!

Hermann Hesses Steppenwolf, 270 ff

 

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Nachtrag

Es ist Ende Juli 2019 und mir fällt ein Zitat von Francis Lucille zu:

Wahre Meditation ist spontan. Sie ist eine offene Einladung, die
zwischen allem, was im Feld des Bewusstseins erscheint, nicht
unterscheidet. Es findet keine Auswahl statt. Da ist nur ein
wahlfreies Erlauben, sowohl von äußeren Wahrnehmungen,
Gefühlen, Körperempfindungen, Gedanken als auch von ihrer
Abwesenheit. Allem wird gleichermaßen erlaubt zu erscheinen
– und das geschieht nicht in Form einer Übung, sondern weil
die mentale Ebene ihre eigenen Grenzen erkannt hat. Mehr
muss ein Wahrheitssucher nicht tun. Er braucht keine
weiteren spirituellen Praktiken zu befolgen. 

In einer derartigen Offenheit leben wir im Jetzt.
Da gibt es nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren.
Gewahrsein ist kein Fernziel, das wir am Ende eines Prozesses
erreichen. Wir haben schon jetzt alles, was wir benötigen. Wir
sind voll ausgerüstet, nichts fehlt. Zu Beginn werden wir diese
völlige Problemlosigkeit, in der wir neuerdings leben, vielleicht
als neutralen Zustand erfahren. Das hat damit zu tun, dass der
Verstand immer noch wie ein Elektromotor weiterläuft, dessen
Stromzufuhr gerade gekappt worden ist. Wenn uns unsere
neue Perspektive vertrauter geworden ist, fühlen wir das
Entzücken des Jetzt, welches frei von Ursachen und
absolut nicht-objektiv ist. Das ist, als würden wir
das Radio nach Stunden von dummem Gebrabbel
auf eine neue Frequenz einstellen, wo ein Klavierkonzert
von Mozart erklingt. Dann leben wir auf zwei Ebenen gleichzeitig:
einmal in der gewöhnlichen objektiven Welt im Vordergrund und
dahinter auf einer neuen Ebene, die Ursprung von Musik und
Schönheit ist.
Diese Ebene ist kein räumlich festgelegter Ort.
Sie ist ein metaphysischer Ort, der Hintergrund des
menschlichen Bereichs und der Kern unseres Seins.

Wenn wir lauschend leben, werden wir bemerken,
dass sich unsere Gefühle und Gedanken sowie die Art,
wie wir unseren Körper wahrnehmen oder mit anderen in
Kontakt sind, ändern. Einladende Offenheit entspricht der
Gesetzmäßigkeit des Universums. Die Nacht ist einladend,
der Himmel ist offen, die Vögel und Bäume sind einladend.
Wenn wir von offenen menschlichen Gefährten umgeben sind,
leben wir in Schönheit. Wir teilen unsere Gegenwärtigkeit
miteinander und beginnen zu ahnen, wie sich das
verlorene Paradies angefühlt haben mag.

 

 


Ein Kommentar

Ist Geben seliger denn Nehmen?

 

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale
und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt
und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt
ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr
überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen,
und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein
als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn
sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss,
wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst
anfüllen und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt
überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich
möchte nicht reich werden, wenn du dabei
leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber
schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner
Fülle; wenn nicht, schone dich.“

Bernhard von Clairvaux